Normandie

Normandie

Auf der "Pommeraie", dem Bauernhof von Familie Lair, dreht sich alles um jene runde kleine Frucht, mit der schon Eva ihren Adam zum Sündigen verlockte. Der Apfel ist gemeint, den man essen, oder, besser noch, pressen und vergären kann. Über siebenhundert Sorten gibt es in der Normandie angeblich, wo der Apfelbaum das Landschaftsbild bestimmt. Wenn es Herbst wird in der Manche (so heißt jener Teil der Normandie, der an den Ärmelkanal grenzt) dann sammeln die Bewohner der Pommeraie das Fallobst auf den Streuobstwiesen des Familiengutes ein. Aus späten, ganz speziellen Sorten wie "La closette", "Binet rouge" und "Tête de brebis" wird in der hölzernen Presse ein Apfelmost gewonnen, der den Winter über ganz langsam in alten Eichenfässern zu Cidre vergoren werden soll. Fast dreihunderttausend Äpfel braucht Alain Lair für vier- bis fünftausend Liter des erfrischenden Sommergetränks. Doch Cidre ist nicht nur zum Trinken da. Martine Lair nimmt ihn auch in der Küche - beispielsweise für Moules à la Crème und Rôti de veau à la Normande, also Muscheln in Sahne-Sauce und Kalbfleisch mit Gemüsen geschmort. Ihren Kalbsbraten flambiert die Gutsbesitzerin mit Calvados, den der fahrende Destillateur Robert Costard in seinem Alambic direkt auf dem Hof aus dem übriggebliebenen Cidre des vergangenen Jahres brennt. Er muss danach noch mindestens drei Jahre in Eichenfässern reifen, bis er den typischen Calvadosgeschmack entwickelt hat. Manchmal freilich liegt er jahrzehntelang im Keller. In der Normandie trinkt man den Calvados wie den Poiré, das ist ein Birnenbrand, gern zwischen den einzelnen Gängen einer üppigen Mahlzeit. Er schafft Platz für den nächsten Gang. Trou normand, normannisches Loch, sagt man hier dazu.